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„Noch Fragen? Anmerkungen?" – Schweigen. Alle nicken, das Meeting ist vorbei. Und zwanzig Minuten später, in der Kaffeeküche oder im Zweier-Chat, beginnt die echte Diskussion: Bedenken, Einwände, die entscheidende Frage, die niemand gestellt hat. Wenn dir das bekannt vorkommt, hat dein Team kein Kommunikationsproblem. Es hat ein Sicherheitsproblem.

Schweigen ist eine Rechnung

Der erste Irrtum: „Die Leute sind halt schüchtern." Sind sie meistens nicht – dieselben Menschen, die im Meeting nichts sagen, reden in der Kaffeeküche völlig frei. Was sich ändert, ist nicht ihr Charakter, sondern das Risiko.

Jeder Wortbeitrag in einer Gruppe ist eine blitzschnelle Rechnung: Was kostet es mich, das jetzt zu sagen? Vielleicht stehe ich dumm da. Vielleicht stelle ich die Chefin bloß, die das Konzept vorgestellt hat. Vielleicht gelte ich ab morgen als „der Schwierige". Und was bringt es mir? Oft: nichts, was ich nicht auch durch Schweigen bekomme. Fällt die Rechnung negativ aus, schweigen Menschen – nicht aus Feigheit, sondern weil es sich schlicht nicht lohnt.

Das Unbequeme daran: Diese Rechnung machen deine Leute nicht anhand deiner Worte, sondern anhand ihrer Erfahrung. Entscheidend ist nicht, ob du sagst „Bei uns kann man alles ansprechen" – entscheidend ist, was beim letzten Mal passiert ist, als es jemand versucht hat.

Die Forschung dahinter: psychologische Sicherheit

Das Konzept dazu heißt psychologische Sicherheit und stammt von Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School. Gemeint ist die Überzeugung, dass man in einem Team Fragen stellen, Bedenken äußern und Fehler zugeben kann, ohne dafür bestraft oder vorgeführt zu werden.

Ihre Forschung begann mit einem Befund, der zunächst nach Messfehler aussah: In Krankenhaus-Teams schienen ausgerechnet die besseren Teams mehr Medikationsfehler zu haben. Des Rätsels Lösung: Sie machten nicht mehr Fehler – sie meldeten sie. In den schwächeren Teams passierten die Fehler genauso, nur sprach niemand darüber. Das Schweigen war nicht das Zeichen eines guten Teams. Es war das Zeichen eines Teams, in dem Ehrlichkeit einen Preis hatte.

Google hat das später im großen Stil bestätigt: In der internen Studie „Project Aristotle" wurden über 180 Teams untersucht, um herauszufinden, was erfolgreiche Teams ausmacht. Das Ergebnis, in Googles eigenen Worten: Psychologische Sicherheit war der wichtigste von fünf Faktoren – vor Verlässlichkeit, Struktur, Sinn und Wirkung.

Was psychologische Sicherheit nicht ist

Ein Missverständnis räume ich gern direkt ab: Psychologische Sicherheit heißt nicht, dass alle nett zueinander sind und Konflikte vermieden werden. Eher das Gegenteil. Ein Team kann ausgesprochen harmonisch sein – und komplett unsicher: Alle sind freundlich, niemand ist ehrlich. Sicherheit zeigt sich nicht daran, dass es keinen Widerspruch gibt, sondern daran, dass Widerspruch keinen Preis hat. Die stillsten Teams sind selten die gesündesten.

Warum mich der Krankenhaus-Befund nicht überrascht

Dass diese Forschung ausgerechnet in Pflege-Teams begann, überrascht mich kein bisschen. Ich komme selbst aus der Pflege – und dort habe ich früh gelernt, was es kostet, wenn Wichtiges unausgesprochen bleibt. Ob jemand eine Beobachtung ausspricht oder für sich behält, hing dabei nie davon ab, wer im Organigramm oben stand. Es hing davon ab, wie beim letzten Mal reagiert wurde, als jemand etwas Unbequemes gesagt hat. Dieses Prinzip habe ich später in jedem Projektteam wiedererkannt – nur dass es dort selten so offensichtlich ist, was das Schweigen kostet.

Was du tun kannst, wenn du führst

Was du tun kannst, wenn du im Team sitzt

Das Schweigen in deinem Team ist kein Charakterzug der Leute. Es ist ein Symptom – und zwar ein präzises. Teams reden nicht, weil man sie dazu auffordert. Sie reden, wenn Reden sich lohnt. Genau daran lässt sich arbeiten.

Quellen & zum Weiterlesen

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Pascal Gabriel