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Es war ein Sommer mit zu wenig Personal und zu viel Hitze. An einem Morgen klingelten vier Zimmer gleichzeitig, während ich noch mit dem dritten beschäftigt war. Ich bin kurz im Dienstzimmer stehen geblieben und habe mir eine Frage gestellt, die ich mir sonst nicht stelle: Wofür mache ich das eigentlich?

Vier Klingeln, ein Moment des Stillstands

Der Sommer war einer der härtesten, die ich in der Pflege erlebt habe. Zu wenige Kolleg:innen, zu viele Dienste, und die Hitze machte alles noch zäher. An diesem Morgen kam einfach zu viel zusammen: vier Klingeln auf einmal, keine Pause seit Stunden, der Kopf leer vor Erschöpfung. Ich bin für ein paar Sekunden im Dienstzimmer stehen geblieben. Nicht aus Faulheit – ich konnte in diesem Moment schlicht nicht mehr.

Die Antwort kam nicht aus mir – sie kam von einer Patientin

Ich bin trotzdem losgegangen, zur nächsten Klingel. Eine Patientin brauchte Hilfe – nichts Dramatisches, eine kleine Sache. Ich habe getan, was ich immer versuche zu tun: freundlich und ruhig, ohne die Hektik der letzten Stunden mitzubringen. Danach hat sie mich angesehen und sich bedankt – nicht für die Hilfe an sich, sondern dafür, wie ich mit ihr umgegangen bin. Sie sagte, deswegen habe sie heute einen guten Tag.

In diesem Moment wurde mir etwas klar, das ich vorher nur theoretisch wusste: Ich mache das nicht für die Aufgabenliste. Ich mache das für die Menschen. Diese Erkenntnis hat mir in dieser Schicht buchstäblich wieder Kraft gegeben – nicht weil sich etwas an der Arbeitslast geändert hätte, sondern weil sich etwas an meinem Blick darauf geändert hat.

Was die Wissenschaft dazu sagt: Das Warum trägt das Wie

Dass ausgerechnet ein Grund – ein Warum – Kraft geben kann, wo eigentlich keine mehr da sein sollte, ist kein Zufall, sondern gut erforscht.

Der Psychiater Viktor Frankl, der vier Konzentrationslager überlebt hat, entwickelte daraus seine Logotherapie: Nicht Lust oder Erfolg treibt Menschen an, sondern der „Wille zum Sinn". Er zitierte dabei oft einen Satz, der heute meist Nietzsche zugeschrieben wird – genauer eine spätere Verkürzung von dessen Aphorismus aus der „Götzen-Dämmerung": „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie." Für Frankl war das der Unterschied zwischen Menschen, die im Lager aufgaben, und Menschen, die einen Grund hatten, weiterzumachen – ein Ziel, eine Aufgabe, einen anderen Menschen.

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky kam über einen anderen Weg zu einem verwandten Ergebnis. Er untersuchte, warum manche KZ-Überlebende trotz extremer Belastung psychisch gesund blieben, und entwickelte daraus das Konzept der Salutogenese. Zentral darin: das Kohärenzgefühl – die Überzeugung, dass die eigene Situation verstehbar, handhabbar und vor allem bedeutsam ist. Gerade diese dritte Komponente, Bedeutsamkeit, entscheidet mit darüber, ob sich Anstrengung noch lohnt oder nur noch auslaugt.

Resilienz ist kein Zähne-Zusammenbeißen

Resilienz wird oft mit Durchhalten verwechselt: Zähne zusammenbeißen, Kopf runter, weitermachen. Genau das ist mir in diesem Sommer nicht passiert. Ich habe nicht mehr Kraft gefunden, indem ich mich zusammengerissen habe – sondern indem ich mir kurz die Frage erlaubt habe, ob das gerade überhaupt noch einen Sinn ergibt. Das fühlt sich in dem Moment schwächer an, als einfach weiterzurennen. Aber genau dieser kurze Stopp hat die Antwort erst möglich gemacht.

Was das für deinen Job bedeutet

Du bist wahrscheinlich nicht in der Pflege. Aber die Mechanik ist bei Überlastung im Büro nicht anders: Wenn du nur noch die Aufgabenliste siehst, fühlt sich jede zusätzliche Anfrage wie ein weiterer Schlag an. Wenn du weißt, wofür du das eigentlich machst – für dein Team, für ein Projekt, das dir wichtig ist, für die Menschen, mit denen du arbeitest –, verändert das nicht die Menge der Arbeit. Aber es verändert, wie viel sie dich kostet.

Die Frage lohnt sich deshalb auch außerhalb von Krisenmomenten: Wofür mache ich das eigentlich? Nicht als einmalige Antwort für immer, sondern als Frage, die du dir stellen darfst, wenn es gerade zu viel wird.

Die Schicht damals wurde dadurch nicht kürzer und die Hitze nicht erträglicher. Aber ich bin anders durch sie durchgekommen – nicht weil ich mehr ausgehalten habe, sondern weil ich kurz gemerkt habe, wofür ich es aushalte.

Quellen & zum Weiterlesen

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Pascal Gabriel