← Zurück zum Blog

Du hast am Dienstag geschrieben. Jetzt ist Donnerstag, keine Antwort. Und du weißt schon, woran es liegt: Die Sache ist ihm nicht wichtig genug. Nur weißt du das nicht. Du vermutest es. Der Unterschied entscheidet darüber, was du als Nächstes tust.

Der Kopf lässt keine Lücke offen

Eine offene Situation ist unangenehm, also schließt der Kopf sie. Sofort, mit der Erklärung, die am schnellsten zur Hand ist. Die schnellste ist selten die freundlichste.

Das eigentliche Problem ist nicht, dass du eine Erklärung hast. Es ist, dass sie sich nicht wie eine Erklärung anfühlt, sondern wie eine Beobachtung. Danach handelst du: Du fragst nicht nach, du schreibst kühler zurück, du rufst nicht an. Wenn dich eine Kleinigkeit aus der Fassung bringt, war es fast nie das Ereignis. Es war die Erklärung, die du ihm gegeben hast.

Schriftlich passiert das schneller als im Gespräch, weil dort Tonfall und Gesicht fehlen. Die Lücke füllt der Leser, und er füllt sie mit dem, was er ohnehin befürchtet.

Was dagegen hilft, und was nicht

Charles Lord, Mark Lepper und Elizabeth Preston haben 1984 zwei Wege verglichen, ein voreingenommenes Urteil zu korrigieren. Die eine Gruppe wurde aufgefordert, so fair und unvoreingenommen wie möglich zu urteilen. Die andere bekam eine konkrete Anweisung: sich vorzustellen, das Gegenteil träfe zu. Nur die zweite Aufforderung veränderte das Urteil.

Der Appell an die eigene Fairness lief ins Leere. Die Anweisung, tatsächlich eine Gegenmöglichkeit zu bilden, wirkte.

Fairerweise: Das war ein Laborversuch mit 150 Studierenden, und es ging um politische Streitfragen und Persönlichkeitsurteile, nicht um unbeantwortete Nachrichten. Was sich überträgt, ist nicht das Ergebnis, sondern der Mechanismus. Sich vorzunehmen, offener zu sein, ändert nichts. Eine ausgeführte Gegenprobe schon.

Die vier Fragen

Nimm eine Situation, die dich gerade beschäftigt. Eine echte, mit einem Namen und einem Datum.

Warum zwei und nicht eine

Die erste Alternative fällt jedem ein und kostet nichts. Sie ist die höfliche: Er hatte viel zu tun. Man denkt sie kurz und bleibt trotzdem bei seiner ursprünglichen Erklärung, eben weil man weiß, dass man sich gerade die höfliche Variante zurechtgelegt hat.

Die zweite muss man sich erarbeiten. Dabei passiert das Eigentliche: Sobald zwei Erklärungen genauso gut passen wie deine, ist deine keine Beobachtung mehr. Sie ist eine von dreien.

Dass zwei besser wirken als eine, steht in keiner Studie, die ich kenne. Es ist das, was ich sehe, wenn Menschen diese Übung machen.

Die Zahl, die es sichtbar macht

Wenn du wissen willst, ob sich bei dir etwas bewegt, gib deiner Erklärung vorher eine Zahl. 1 heißt reine Vermutung, 10 heißt, er hat es genau so gesagt. Nach den vier Fragen noch einmal.

Der Abstand zwischen den beiden Zahlen ist das Ergebnis. Du musst ihn niemandem zeigen, und du musst dich auch nicht dafür rechtfertigen, dass du vorher bei 9 standest. Die meisten stehen bei 9.

Wann deine erste Erklärung stimmt

Manchmal stimmt sie. Es gibt Menschen, die nicht antworten, weil ihnen die Sache gleichgültig ist, und es gibt Vorgesetzte, bei denen ein Blick genau das bedeutet, was du befürchtest.

Der Unterschied ist immer derselbe: ob du es aus Erfahrung weißt oder ob du es annimmst. Nach der dritten unbeantworteten Mail ist deine Erklärung eine Beobachtung. Nach zwei Tagen ist sie eine Vermutung, die sich als Beobachtung verkleidet hat.

Dasselbe gilt in die andere Richtung, wenn jemand deine Arbeit kritisiert und du sofort weißt, was er eigentlich über dich denkt. Auch das ist eine Erklärung, keine Information.

Die vier Fragen machen aus deiner Gewissheit keine andere Gewissheit. Sie machen daraus etwas, das du fragen kannst.

Quellen & zum Weiterlesen

Mehr zum Thema