In jedem Team gibt es früher oder später „den Schwierigen". Den Kollegen, der blockiert. Die Chefin, die nicht zuhört. Die Suche nach dem einen Schuldigen ist verständlich – sie ist nur selten die Lösung. Denn im Job entsteht Verhalten fast nie in einer Person allein.
Woher der Ansatz kommt
Der systemische Ansatz hat seine Wurzeln in der Familientherapie und in der Kybernetik – der Lehre von Regelkreisen und Wechselwirkungen. Die Grundidee ist simpel: Kein Mensch handelt im luftleeren Raum. Jeder ist Teil eines Systems – einer Familie, eines Teams, einer Abteilung. Und in einem System hängt alles mit allem zusammen. Verändert sich an einer Stelle etwas, reagiert der Rest. Aus diesem Denken haben sich später die systemische Beratung und das systemische Coaching entwickelt: derselbe Blick, angewandt auf Arbeit und Organisationen.
Was ich konkret daraus nutze
Ich nutze den systemischen Blick als Werkzeug, nicht als Weltanschauung. Konkret heißt das:
- Zirkuläre Fragen: Statt nur „Wie siehst du das?" frage ich auch „Wie würde dein Chef die Situation beschreiben?" Das öffnet Perspektiven, die man allein nicht sieht.
- Rolle statt Charakter: Oft ist nicht die Person das Problem, sondern die Rolle, in der sie steckt – und die sie sich vielleicht gar nicht ausgesucht hat.
- Das Umfeld mitdenken: Eine Veränderung, die nur bei dir ansetzt, hält selten, wenn das System drumherum gleich bleibt. Also schauen wir, wer und was noch mitspielt.
- Den Auftrag klären: Wer will eigentlich, dass sich etwas ändert – du, dein Chef, das Team? Diese eine Frage spart oft Wochen.
Warum das gerade im Job zählt
Im Beruf arbeitet niemand für sich. Du hängst an Zielen, an Erwartungen, an Menschen, die du dir nicht ausgesucht hast. Viele Konflikte, die wie ein persönliches Problem aussehen, sind in Wahrheit Rollen- oder Strukturkonflikte: zwei Abteilungen mit gegenläufigen Zielen, eine unklare Zuständigkeit, ein Chef, der selbst unter Druck von oben steht.
Wer das erkennt, hört auf, sich selbst – oder den anderen – für alles verantwortlich zu machen, und fängt an, an der richtigen Stelle anzusetzen. Genau deshalb wird der systemische Blick im Business-Kontext oft erwartet: Er passt zu der Art, wie Organisationen wirklich funktionieren.
Ehrlich eingeordnet: Coaching ist keine Therapie
Ein fairer Hinweis zur Einordnung. Die systemische Therapie ist in Deutschland ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren – 2008 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie bestätigt, seit 2020 sogar Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Das unterscheidet den systemischen Ansatz deutlich von Methoden, deren Wirksamkeit umstritten ist.
Aber: Ich bin Coach, kein Therapeut – und Coaching ist keine Therapie. Ich nutze das systemische Denken im Coaching, für berufliche Themen. Geht es um klinische Fragen – etwa Depression, Angststörungen oder Trauma –, dann gehört das in therapeutische Hände, nicht ins Coaching. Diese Grenze ist mir wichtig.