Das Projekt ist gelungen, dein Chef lobt dich vor dem Team, die Rückmeldungen sind eindeutig gut. Und in deinem Kopf läuft trotzdem derselbe Satz: Ich hatte nur Glück. Beim nächsten Mal fliegt es auf. Wenn du diesen Satz kennst, obwohl er sich mit den Tatsachen nicht deckt, geht es dir wie sehr vielen fachlich starken Menschen.
Die spezifische Denkfigur: „Ich hatte nur Glück"
Das ist keine allgemeine Unsicherheit, sondern ein sehr präziser Mechanismus: Erfolg wird nicht der eigenen Fähigkeit zugeschrieben, sondern äußeren Umständen – Glück, gutem Timing, einem wohlwollenden Team, oder schlicht, dass die Aufgabe „ja nicht so schwer war". Misserfolg dagegen wird sofort persönlich genommen: als Beweis für die eigene Unfähigkeit. Diese Schieflage sorgt dafür, dass sich Erfolg nie ansammelt. Jede gute Rückmeldung wird sofort wegerklärt, jede schlechte bestätigt scheinbar, was man ohnehin befürchtet hat.
Woher der Begriff kommt
Geprägt haben ihn 1978 die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes. Sie beschrieben zunächst hochleistende Frauen, die trotz Abschlüssen, Titeln und beruflichem Erfolg fest davon überzeugt waren, eigentlich nicht kompetent zu sein – und ständig fürchteten, als Betrug aufzufliegen. Spätere Forschung hat gezeigt: Das Phänomen ist nicht auf Frauen beschränkt. Es betrifft Männer genauso häufig – über Branchen, Alter und Karrierestufen hinweg.
Wen es trifft – und warum gerade fachlich Starke
Ein systematischer Forschungsüberblick von Bravata und Kolleg:innen (2020) wertete Studien zum Thema aus und kam auf Prävalenzraten zwischen 9 und 82 % – die enorme Spanne hängt stark davon ab, welches Messinstrument benutzt wurde. Was in den Studien durchgängig auffiel: Betroffen sind überdurchschnittlich oft Menschen mit tatsächlich hoher Leistung. Das ist kein Widerspruch, sondern der Kern des Musters – wer fachlich stark ist, hat einen höheren eigenen Maßstab und dadurch mehr Gelegenheiten, an sich selbst zu zweifeln. Die Studie fand außerdem einen klaren Zusammenhang mit Burnout, Angst und geringerer Arbeitszufriedenheit.
Abgrenzung: Das ist kein Alltags-Selbstwert-Problem
Das lässt sich leicht mit generell niedrigem Selbstwert verwechseln – ist aber etwas anderes. Bei niedrigem Selbstwert im Job zeigen sich Muster im Alltag: sich entschuldigen, bevor man etwas gesagt hat, zu viel Ja sagen, sich klein machen. Das Hochstapler-Denken dagegen taucht genau dann auf, wenn objektiv etwas gut läuft. Es ist die Reaktion auf Erfolg, nicht auf Misserfolg. Genau deshalb ist es so hartnäckig: Es sieht von außen wie Bescheidenheit aus – und wird oft sogar noch positiv bewertet, obwohl es die Person innerlich auffrisst.
Was du konkret tun kannst
- Trenn das Gefühl vom Befund. Dass sich ein Erfolg nicht verdient anfühlt, ist keine Information über die Qualität deiner Arbeit – nur über dieses Denkmuster. Gefühl und Fakt sind zwei getrennte Dinge.
- Führ dir die konkreten Belege vor Augen. Nicht das diffuse „ich bin halt gut", sondern die harten Fakten: Welche Aufgabe genau hast du gelöst, welche Entscheidung hast du getroffen, die zum Ergebnis geführt hat? Der Hochstapler-Gedanke lebt vom Vagen – konkrete Fakten entziehen ihm den Boden.
- Sprich darüber – gerade weil es so verbreitet ist. Wer offen sagt „ich fühle mich manchmal wie ein Hochstapler", hört überraschend oft: „Ich auch." Das allein verändert nichts an der Arbeit, aber es nimmt dem Gedanken die Behauptung, du wärst der einzige Mensch im Raum, der nicht wirklich dazugehört.
Der Maßstab, an dem du dich misst, ist nicht falsch, weil du hohe Ansprüche hast. Er ist nur falsch kalibriert, wenn er dir jeden Erfolg wegnimmt, kaum dass er da ist.