Vier Kreise, in der Mitte ein japanisches Wort. Wahrscheinlich hast du die Grafik schon gesehen – sie hängt in Coaching-Räumen und geht regelmäßig durch LinkedIn. Ich arbeite selbst damit, weil sie im Gespräch etwas sichtbar macht, das vorher diffus war. Eine Sache stimmt an ihr allerdings nicht: Sie ist nicht japanisch.
Woher das Diagramm wirklich kommt
Die vier Kreise stammen vom Spanier Andrés Zuzunaga, der sie 2011 für den Begriff propósito entwarf – Lebenszweck. Mit Japan hatte das nichts zu tun. Der Brite Marc Winn veröffentlichte 2014 eine englische Fassung und tauschte dabei ein Wort aus: Aus „purpose" wurde „ikigai". Die Grafik ging um die Welt, das Wort blieb kleben.
Das ist keine Haarspalterei, sondern ein inhaltlicher Unterschied. Der japanische Begriff meint deutlich mehr Alltag und deutlich weniger Karriere. Eine Forschungsarbeit im Europe's Journal of Psychology kritisiert das populäre Diagramm ausdrücklich dafür, die wirtschaftliche Dimension überzubetonen: Ikigai braucht im ursprünglichen Verständnis keine Bezahlung und muss gar nicht aus der Arbeit kommen – es entsteht genauso im Familienleben oder in der Freizeit.
Ich sage das gleich am Anfang, weil ich die Grafik gleich benutzen werde. Sie ist ein brauchbares Werkzeug. Sie ist nur kein japanisches Erbe, und wer sie als solches verkauft, verkauft etwas, das er nicht geprüft hat.
Warum ich trotzdem damit arbeite
Weil die vier Fragen dahinter gut sind – unabhängig davon, welches Wort in der Mitte steht. Sie zwingen dazu, das eigene Berufsleben aus vier verschiedenen Richtungen anzuschauen, statt nur aus der einen, aus der man ohnehin ständig draufschaut.

- Leidenschaft: Was machst du, ohne auf die Uhr zu schauen?
- Talente: Was fällt dir leicht, was andere anstrengend finden?
- Nachfrage: Wofür fragt man dich – und wofür würde man zahlen?
- Beitrag: Was von dem, was du tust, ist für jemand anderen wirklich nützlich?
Die Lücke ist der eigentliche Befund
Der übliche Fehler im Umgang mit dem Modell ist, die Mitte zu suchen. Als gäbe es einen Punkt, an dem alle vier Kreise perfekt übereinanderliegen, und man müsste ihn nur finden. Danach fühlen sich die meisten schlechter als vorher.
Nützlich wird es andersherum: nicht als Zielbild, sondern als Diagnose. Welcher Kreis ist bei dir dünn? Wer alles kann, wofür Nachfrage besteht, aber nichts davon gern macht, hat ein anderes Problem als jemand, der brennt und nicht davon leben kann. Das sieht von außen beides nach „unzufrieden im Job" aus – und braucht völlig verschiedene nächste Schritte.
Und oft ist es keiner der vier Kreise
Das ist die Beobachtung, die ich am häufigsten mache: Jemand geht die vier Fragen durch, und alle vier sind eigentlich beantwortet. Die Arbeit passt fachlich, sie wird gebraucht, sie wird bezahlt, und interessant ist sie auch. Trotzdem stimmt etwas nicht.
Dann liegt es meistens nicht am Inhalt der Arbeit, sondern an dem, was drumherum passiert: an Gesprächen, die nicht geführt werden, an Anerkennung, die nicht ankommt, an einem Team, in dem man sich verstellt. Das Modell zeigt diesen Bereich nicht – er passt in keinen der vier Kreise. Wer an dieser Stelle den Job wechselt, nimmt das Thema meistens mit.
Was das nicht bedeutet
Die vier Kreise sind kein Lebensplan und keine Bewertung. Dass sie selten sauber übereinanderliegen, ist der Normalfall, nicht dein Versagen. Und wenn du den Blick auf das echte japanische Verständnis richtest, wird es sogar entspannter: Dort darf das, was dem Leben Wert gibt, komplett außerhalb der Arbeit liegen. Der Druck, dass ausgerechnet der Job alles abdecken muss, steckt nicht im Begriff – er steckt in der Grafik.
Quellen & zum Weiterlesen
- Wikipedia: „Ikigai" (englisch) – zur Herkunft des Diagramms bei Andrés Zuzunaga und Marc Winn; das Venn-Diagramm wird dort als eingängig, aber irreführend eingeordnet
- Sartore et al.: „An Integrated Cognitive-Motivational Model of Ikigai (Purpose in Life) in the Workplace" – Europe's Journal of Psychology, 2023 (mit ausdrücklicher Kritik am Winn-Diagramm)
