Die meisten von uns halten sich für gute Zuhörer. Und die meisten von uns tun während des Zuhörens vor allem eins: Wir formulieren schon die Antwort. Zuhören gilt als der passive Teil eines Gesprächs – als Höflichkeit, die man aufbringt, bis man selbst dran ist. Die Forschung zeigt etwas anderes.
Wer zuhört, verändert nicht sich – sondern sein Gegenüber
Ein Forschungsteam um Guy Itzchakov und Avraham Kluger hat in fünf Experimenten mit insgesamt 717 Personen untersucht, was aufmerksames Zuhören beim Sprecher auslöst. Das Ergebnis: Wer gut zugehört bekommt, denkt anschließend klarer über die eigene Position. Nicht, weil der Zuhörer etwas gesagt hätte – sondern weil die Art des Zuhörens den Sprecher in eine andere innere Verfassung bringt.
Der Mechanismus dahinter ist bemerkenswert unspektakulär: Gutes Zuhören senkt die soziale Anspannung des Sprechers. Wer sich nicht beobachtet oder bewertet fühlt, muss sich nicht verteidigen – und kann stattdessen tatsächlich nachdenken.
Warum Menschen weniger festgefahren werden, wenn man ihnen zuhört
In einer weiteren Untersuchungsreihe mit vier Experimenten fand dasselbe Team einen Effekt, der für schwierige Gespräche im Job direkt relevant ist: Menschen, denen aufmerksam zugehört wurde, zeigten weniger Abwehrverhalten – und ihre Position wurde weniger extrem. Sie nahmen eher wahr, dass ihre eigene Meinung auch widersprüchliche Anteile hat, und konnten diese Widersprüche besser aushalten.
Das dreht die übliche Logik um. Wenn jemand sich in eine Position verrannt hat, ist der Reflex, stärker zu argumentieren. Nach dieser Forschung passiert das Gegenteil von dem, was man will: Druck erhöht die Abwehr, und Abwehr macht Positionen härter. Zuhören senkt sie.
Das Handy auf dem Tisch reicht schon
Interessant ist, wie die Forscher schlechtes Zuhören überhaupt hergestellt haben: In drei der fünf Experimente genügte es, die Zuhörenden mit einem Computer oder Smartphone abzulenken. Kein Unterbrechen, kein Widersprechen – nur geteilte Aufmerksamkeit. Das reichte aus, damit der beschriebene Effekt beim Sprecher ausblieb.
Für den Arbeitsalltag heißt das: Das offene Notebook im Vieraugengespräch ist keine Kleinigkeit. Es entscheidet mit darüber, ob dein Gegenüber überhaupt in den Zustand kommt, in dem ein Gespräch etwas bewegt.
Was das konkret heißt
- Erst zuhören, wenn es festgefahren ist – nicht härter argumentieren. Gerade wenn du fachlich recht hast, ist der Reflex, das Argument zu wiederholen. Genau das verhärtet die Gegenposition.
- Aufmerksamkeit ungeteilt lassen. Laptop zu, Handy weg. Das ist der Teil mit dem größten Wirkungsgrad und dem geringsten Aufwand.
- Nicht auf die Lücke warten. Wenn du innerlich deine Antwort formulierst, hörst du nicht mehr zu – und dein Gegenüber merkt es, auch wenn du nickst.
Was das nicht bedeutet
Zwei ehrliche Einschränkungen. Erstens: Die Studien zeigen, dass Zuhören die Position des Sprechers klarer macht – nicht richtiger. Wer gut zuhört, verhilft dem Gegenüber zu einem geordneteren Gedanken, nicht automatisch zu einem besseren. Zweitens: Das sind Laborexperimente. Sie zeigen den Mechanismus sauber, sagen aber wenig darüber, wie lange die Wirkung im Arbeitsalltag anhält.
Und Zuhören heißt nicht Zustimmen. Du kannst jemandem vollständig zuhören und danach klar widersprechen. Der Unterschied ist, dass dein Widerspruch dann auf jemanden trifft, der ihn hören kann.
Quellen & zum Weiterlesen
- Itzchakov, DeMarree, Kluger & Turjeman-Levi: „The Listener Sets the Tone: High-Quality Listening Increases Attitude Clarity and Behavior-Intention Consequences" – Personality and Social Psychology Bulletin, 2018 (fünf Experimente, 717 Teilnehmende)
- Itzchakov, Kluger & Castro: „I Am Aware of My Inconsistencies but Can Tolerate Them: The Effect of High Quality Listening on Speakers' Attitude Ambivalence" – Personality and Social Psychology Bulletin, 2017 (vier Experimente zu Abwehrverhalten und Meinungsextremität)