Du weißt, welchen Titel deine Kolleg:innen tragen. Aber weißt du auch, worin sie wirklich gut sind – nicht auf dem Papier, sondern im echten Arbeitsalltag? Die meisten Teams wissen das erstaunlich wenig übereinander. Und genau das kostet mehr Zeit, als den meisten bewusst ist.
Warum es überhaupt zählt, Stärken zu nutzen
Gallup hat über Jahre analysiert, was passiert, wenn Menschen ihre Stärken im Job tatsächlich einsetzen können. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer seine Stärken täglich nutzt, ist sechsmal wahrscheinlicher bei der Arbeit engagiert, dreimal wahrscheinlicher zufrieden mit der eigenen Lebensqualität, acht Prozent produktiver – und fünfzehn Prozent seltener auf dem Sprung, zu kündigen.
Das Problem ist selten, dass Menschen ihre Stärken nicht nutzen wollen. Das Problem ist, dass im Team kaum jemand genau weiß, wo sie liegen – bei sich selbst nicht immer, bei den anderen fast nie.
Was Krankenhausteams über „wer kann was" zeigen
Eine aktuelle Studie im Fachjournal Organization Science (2024) hat genau das an einem Ort untersucht, an dem Fehleinschätzungen sofort sichtbar werden: in Notaufnahme-Teams bei der Versorgung von Traumapatient:innen. Analysiert wurden 121 Einsätze. Gemessen wurde, wie stark das sogenannte transaktive Gedächtnis eines Teams ausgeprägt war – also wie gut die Mitglieder wussten, wer im Team worin wirklich gut ist.
Das Ergebnis: Teams mit einem stärker ausgeprägten „Wer-kann-was"-Wissen brachten ihre Patient:innen im Schnitt fast zwei Tage früher von der Intensivstation und gut drei Tage früher aus dem Krankenhaus. Nicht weil sie schneller arbeiteten – sondern weil sie jede Aufgabe sofort der richtigen Person zuordneten, statt sie selbst zu übernehmen oder zu raten.
Aus der Pflege kenne ich genau diesen Effekt. In eingespielten Teams muss niemand mehr fragen, wer in einer bestimmten Situation am ruhigsten bleibt oder wer technische Probleme am schnellsten löst – das weiß man einfach. In neu zusammengewürfelten Teams fehlt genau dieses Wissen, und jede Aufgabe kostet spürbar mehr Zeit, bis sie bei der richtigen Person landet.
Was jetzt hilft
- Frag aktiv, statt zu vermuten. „Wobei merkst du, dass dir eine Aufgabe leichtfällt?" bringt oft mehr zutage als Monate der Zusammenarbeit.
- Beobachte, wer automatisch übernimmt. Bei welcher Art von Aufgabe greift jemand zu, ohne dass sie zugewiesen wird? Das ist meist ein verlässlicherer Hinweis als der Titel auf der Visitenkarte.
- Sprich Stärken laut aus, wenn du sie siehst. Kritik wird in den meisten Teams automatisch benannt. Stärken so gut wie nie – dabei ist genau das die Information, die Aufgaben richtig verteilt.
Ein Team, das weiß, wer worin wirklich gut ist, verschwendet weniger Zeit mit Rätselraten und Nachfragen. Es ordnet eine Aufgabe einfach der richtigen Person zu – und das macht am Ende oft den größeren Unterschied als noch mehr Fachwissen.