Wer sich mit Persönlichkeit beschäftigt, landet früher oder später bei den Big Five. Zu Recht: Kein anderes Modell ist so gut untersucht. Im Coaching arbeite ich trotzdem mit einem anderen. Das hat Gründe, und die stehen hier.
Was die Big Five sind
Die Big Five, auch Fünf-Faktoren-Modell, beschreiben Persönlichkeit über fünf Dimensionen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität (oft als Gegenpol Neurotizismus bezeichnet).
Der wichtigste Unterschied zu Typenmodellen: Es steckt niemanden in eine Schublade. Jeder Mensch hat auf jeder der fünf Skalen eine Ausprägung, irgendwo zwischen den Polen. Es gibt also keine fünf Sorten Mensch, sondern fünf Regler.
Warum es als bestbelegt gilt
Das Modell ist nicht am Schreibtisch entstanden. Es kommt aus der Sprache: Die Annahme war, dass sich wichtige Unterschiede zwischen Menschen in Wörtern niederschlagen. Also hat man tausende Eigenschaftswörter gesammelt und statistisch verdichtet. Übrig blieben immer wieder dieselben fünf Bündel, in verschiedenen Sprachen und Stichproben.
Genau das macht es stark: Die fünf Faktoren wurden nicht erfunden, sondern gefunden. In der Persönlichkeitsforschung gelten sie heute als Standardmodell.
Und jetzt ehrlich: die Grenzen
Die Big Five beschreiben. Sie erklären nicht, und sie sagen dir nicht, was zu tun ist. Ein Wert auf einer Skala verrät, wie du im Vergleich zu anderen bist. Er verrät nicht, was du am Dienstag im Meeting anders machen solltest.
Und die Messung ist heikler, als der gute Ruf vermuten lässt. Eine Untersuchung in Science Advances hat 94.751 Befragte aus 23 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ausgewertet. In den persönlich geführten Befragungen maßen die üblichen Fragen häufig gar nicht das, was sie messen sollten. Bei Internetbefragungen aus denselben Ländern funktionierte es deutlich besser. Es lag also weniger an der Kultur als an der Art der Erhebung.
Für dich heißt das vor allem eins: Ein Fünf-Minuten-Test im Netz ist nicht dasselbe wie ein sauber durchgeführtes Verfahren, auch wenn beide dieselben fünf Wörter benutzen.
Warum ich trotzdem mit der Psychographie arbeite
Weil die beiden verschiedene Aufgaben haben. Die Big Five sind ein Messinstrument: Sie beschreiben zuverlässig, wie jemand ist. Die Psychographie ist eine Heuristik fürs Gespräch: Sie hilft mir zu erkennen, worauf mein Gegenüber gerade achtet, auf das Miteinander, auf die Sache oder aufs Tun. In einer Sitzung brauche ich selten ein Profil. Ich brauche den nächsten Satz.
Ehrlichkeit gehört auch in die andere Richtung: Die Psychographie hat nichts von der Studienbasis der Big Five. Sie ist ein Praxismodell, eine Landkarte, keine Messung, und genau so schreibe ich es auch in ihrem eigenen Artikel. Ich nutze sie, weil sie im Gespräch trägt.
Theoretisch habe ich mich intensiv mit den Big Five beschäftigt. In der Praxis bin ich mit der Psychographie bisher überall dorthin gekommen, wo ich hinwollte. Einsetzen will ich sie trotzdem, und es kann gut sein, dass sie irgendwann dazugehören. Wenn es so weit ist, steht es hier.
Quellen & zum Weiterlesen
- Fünf-Faktoren-Modell – Dorsch Lexikon der Psychologie (Hogrefe)
- Big Five (Psychologie) – Wikipedia (Überblick, Geschichte, Kritik)
- Laajaj u. a. (2019): Challenges to capture the big five personality traits in non-WEIRD populations, Science Advances (frei zugänglich)
