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Du warst die oder der Beste im Team – deshalb hat man dich befördert. Jetzt bist du Chef oder Chefin über genau die Menschen, mit denen du gestern noch auf Augenhöhe warst. Und die neue Rolle fühlt sich nicht an wie ein Aufstieg. Sie fühlt sich an wie ein Verlust.

Was du erwartest – und was tatsächlich passiert

Die meisten frisch beförderten Führungskräfte erwarten vor allem eins: mehr Freiheit. Endlich die eigenen Ideen umsetzen, endlich nicht mehr von den Entscheidungen anderer abhängig sein. Die Harvard-Forscherin Linda Hill hat über 15 Jahre neue Führungskräfte begleitet und beschreibt genau das Gegenteil: Wer zum ersten Mal führt, fühlt sich nicht freier, sondern stärker eingeengt – eingebunden in ein Netz aus Erwartungen von Mitarbeitenden, Vorgesetzten und Kolleg:innen, die alle gleichzeitig etwas von einem wollen.

Formale Autorität hilft dabei kaum. Eine der von Hill befragten Führungskräfte brachte es so auf den Punkt: Macht kommt aus „allem außer" dem Titel – aus Vertrauen, das man sich erst erarbeiten muss, bei jeder einzelnen Person neu. Wer stattdessen versucht, über die neue Position Anweisungen durchzusetzen, stößt gerade bei den eigenen fähigsten Leuten schnell an eine Wand.

Warum ausgerechnet fachlich starke Menschen das trifft

Das ist kein Zufall, sondern Systematik. Laut einer Gallup-Auswertung verfehlen Unternehmen bei 82 Prozent ihrer Beförderungsentscheidungen für Führungspositionen die richtige Wahl – weil sie typischerweise nach bisheriger fachlicher Leistung befördern, nicht nach Führungstalent. Nach Gallups Schätzung bringt nur etwa jeder zehnte Mensch von Natur aus mit, was eine Führungsrolle braucht. Fachliche Stärke und Führungseignung sind zwei verschiedene Dinge – das Beförderungssystem behandelt sie aber wie dasselbe.

Das heißt nicht, dass du ungeeignet bist. Es heißt, dass niemand dich auf diesen Teil vorbereitet hat, weil das System selbst nicht danach fragt.

Die Beziehung zu deinem alten Team verändert sich – ob du willst oder nicht

Der Teil, der besonders schmerzt, wenn die Beförderung aus dem Team heraus kommt: Deine bisherigen Kolleg:innen beobachten jetzt jede deiner Entscheidungen auf Anzeichen, ob du dich verändert hast. Genau das erlebte eine der Managerinnen, die Hill über Monate begleitete – sie brachte das Gefühl der ersten Wochen so auf den Punkt: „Chef zu werden bedeutet nicht, der Boss zu werden. Es bedeutet, eine Geisel zu werden."

Besonders riskant sind dabei Ausnahmen für einzelne Personen – etwa für die eine enge Vertraute im Team, mit der die Freundschaft ja „trotzdem" weitergehen soll. Was als kleine, private Geste gedacht ist, wird vom Rest des Teams fast immer bemerkt und als Bevorzugung gelesen. Die Beziehung zu allen im Team verändert sich in dem Moment, in dem du Chef wirst – auch wenn du persönlich nichts anders machen willst.

Was mir die Begleitung einer Coachee gezeigt hat

Diesen Schritt selbst gemacht habe ich nicht – ich bin nie über Nacht zum Chef über Menschen geworden, mit denen ich vorher auf Augenhöhe gearbeitet habe. Aber eine meiner ersten Coachees habe ich genau durch diesen Übergang begleitet. Daran habe ich gelernt, wie groß dieser Schritt wirklich ist – nicht fachlich, sondern menschlich.

Was mir hilft, das nachzuvollziehen, kenne ich aus einer anderen Ecke: dem Projektmanagement. Als Projektleiter bist du niemandes disziplinarischer Vorgesetzter. Du kannst nichts anordnen – du musst Menschen für ein Ziel gewinnen, ohne die Hierarchie im Rücken zu haben. Genau diese Fähigkeit, zu motivieren statt anzuweisen, halte ich für eine Führungskraft für mindestens so wichtig wie den Titel selbst.

Was jetzt hilft

Der Aufstieg fühlt sich deshalb nicht wie ein Aufstieg an, weil du gerade eine völlig andere Fähigkeit lernst als die, für die man dich befördert hat. Das ist kein Zeichen, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es ist einfach der Anfang von etwas Neuem.

Quellen & zum Weiterlesen

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